EMS-Training und die Kraft der Studien

Immer wieder wird nach Studien zu EMS-Training gefragt – immer wieder beziehen sich diverse Firmen auf Studien die diverse Universitäten gemacht haben. Vor geraumer Zeit habe ich mir einmal die Mühe gemacht und mal so ziemlich alles zusammen getragen was ich zu dem Thema finden konnte. Sowohl Studien zu lokaler, wie auch Studien zur ganzkörperlichen Anwendung.

Grundsätzlich muss man erst einmal sagen, dass geschätzte 95 bis 99 % aller Studien sich zwar mit EMS befassen, aber nicht mit EMS-Training, also mit dem Einsatz von EMS im Sport.
Nachdem ich gesammelt und gesichtet hatte was aufzutreiben war stellte ich fest, dass von den wenigen Arbeiten die man zum Thema findet leider auch noch ein Großteil „unbrauchbar“ ist, weil entweder die genutzten Parameter nicht wirklich nachvollziehbar sind oder weil das eingesetzte EMS-Training nicht ausreichend standardisiert wurde.
Ich möchte hier einfach mal ein Beispiel heraus greifen:
Die Ruhr-Universität Bochum hat eine Studie heraus gebracht in der es darum geht die Wirkung von EMS-Applikation während eines Trainings von 20 Minuten (8 unterschiedliche Übungen zu je 2 Minuten) demselben Training ohne zusätzliche EMS gegenüber zu stellen. Ergebnis der Untersuchung: Kein Mehrwert messbar. Gemessen wurde mit einer Spiroergometrie, also bezog sich die Messung auf den energetischen Umsatz.
Aussage: Egal ob man EMS zusätzlich appliziert oder nicht, energetisch ist die EMS wirkungslos.
Für mich der größte Mangel dieser Arbeit besteht darin, dass ich keinerlei Aussage oder gar eine Standardisierung der Intensität mit der EMS appliziert wurde finden kann. Ein Schelm wer da fragen möchte: War denn das Gerät auch an?
Dieser Arbeit kann ich etwas entgegen halten das ich selber mal gemacht habe:
Vor rund 4 Jahren habe ich mal mit einem vergleichbaren Gerät – wie in besagter Studie ein niederfrequentes Ganzkörper-EMS-System – an 12 meiner damaligen Kunden eine Laktatuntersuchung gemacht. Es handelte sich um Personen die alle seit mind. 3 Monaten EMS-Training gemacht haben und durchschnittlich trainiert waren. Alle haben sich nicht bewegt während des Trainings. Als Trainingsprogramm habe ich ein Programm gewählt mit 3 Sekunden Pause zwischen den Impulsen und 4 Sekunden Impuls (85Hz). Die Intensität war so festgelegt, dass wir in den ersten 5 Minuten diese soweit hoch gedreht hatten wie der Proband erst einmal aushalten konnte und dann haben wir alle 3 Minuten die Intensität an allen Ausgängen erhöht. Immer bis zur maximal möglichen Intensität. Da die Probranden sich nicht bewegt haben während des Trainings konnte ich sehr gut selber mit überprüfen, ob das Limit der möglichen Intensität auch wirklich erreicht war.
Ergebnis: Alle Probanden hatten nach spätestens 10 Minuten 4mmol Laktat überschritten und alle lagen bei der Laktatmessung nach 20 Minuten bei 6 mmol oder höher. Maximal erreichter Wert weit über 8 mmol.
Zweifellos ist eine Laktatmessung nicht das Mittel der Wahl wenn man den Energieumsatz messen will, aber dennoch kann sich wohl kaum das Laktat in der oben beschriebenen Form akkumulieren, wenn nicht parallel eine entsprechende Erhöhung des Energieverbrauchs stattfindet. Also möchte ich behaupten, dass der von mir an immerhin 10 unterschiedlichen Personen durchgeführte Test das Ergebnis der oben benannten Studie (mit 7 Probanden) widerlegt.
Meiner Ansicht nach muss hier bei der Intervention Grundsätzliches falsch gelaufen sein. In einem Gespräch mit den zuständigen Damen und Herren stellte sich dann heraus, dass die 7 Sportstudentinnen die für die Untersuchung herangezogen wurden, keinerlei Erfahrung mit EMS-Training hatten. Sie wurden also ohne jegliche Vorkenntnisse an das Gerät gehängt und gemessen. Ich behaupte an dieser Stelle, dass dies auch die simple Erklärung für das erzielte Ergebnis ist, denn EMS-Training ist sehr „gewöhnungsbedürftig“ und um in Intensitäten zu trainieren die auch entsprechend trainingsrelevant sind braucht es eine gewissen Gewöhnungszeit. Ich behaupte mal ganz einfach, hätte man die Probandinnen vorher mind. 3 Wochen 2 mal die Woche an dem EMS-Gerät trainieren lassen und durch eine erfahrene Person betreut (um entsprechende Intensitäten zu erreichen) dann wäre das Ergebnis der Studie ein deutlich anderes.

Was ich mit diesem Beispiel zum Ausdruck bringen möchte ist, dass es nicht nur darum geht überhaupt Studien zu finden, sondern dass man diese Studien und Untersuchungen auch sehr genau lesen und bewerten muss, bevor man ihre Aussage als relevant hinnimmt.

Ich weiß, man könnte dieses Thema nun fast endlos weiter führen. Das habe ich aber nicht vor, denn jeder muss sich hier selber eine Meinung bilden. Aber da ich so häufig nach Studien gefragt werde und viele EMS-Studiobetreiber erzählen, dass sie von ihren Kunden hierzu auch oft befragt werden, möchte ich an dieser Stelle erst einmal einen Schritt zurück gehen. Warum fragen so viele Leute nach Studien zu EMS-Training? Was wollen die Menschen denn durch die Studien erfahren? Ist es nicht eigentlich die Frage ob EMS-Training überhaupt funktioniert, die die Menschen treibt?
Und? Funktioniert EMS-Traning?

Seriöse EMS-Anbieter behaupten, dass man mit EMS-Training effektiv Muskeltraining betreiben kann. Die eigentlich zu stellende Frage ist doch: Funktioniert das wirklich? Kann man mit Strom Muskeln trainieren?
Und ich finde, um diese Frage zu beantworten muss man nicht unbedingt nach Studien suchen, sondern da reicht auch durchaus gesunder Menschenverstand. Denn was können Muskeln denn? Nicht viel. Erst mal können Muskeln kontrahieren und entspannen. Das wars. Muskeltraining bedeutet folglich, dass man Muskeln zur Anspannung bzw. Kontraktion bringt. Je nach Intensität der Kontraktion, je nach Dauer der Kontraktion, sowie abhängig von der Gesamt-Trainingsdauer ist die Trainingswirkung unterschiedlich – von Grundlagenausdauertraining bis hin zu Maximalkrafttraining und Hypertrophie. Aber der wirksame Mechanismus ist erst einmal schlicht und ergreifend die Kontraktion von Muskeln.
Wenn man nun ein EMS-Gerät an einen menschlichen Körper anschließt – über geeignete Elektroden in geeigneter Elektrodenlage – dann passiert erfahrungsgemäß (immer) eines: Sobald die Intensität groß genug wird, fängt der Muskel erst an zu zittern, dann beginnt er zu kontrahieren und schließlich findet eine starke, deutlich sicht- und spürbare Kontraktion statt. Je nach eingestellten Parametern (Impulsdauer, Hz) ist die Kontraktion als Einzelzuckungen sichtbar oder als tetanische (also durchgängige und länger anhaltende) Kontraktion. Anders formuliert: Es sieht aus wie eine Muskelkontraktion, es fühlt sich an wie eine Muskelkontraktion, es schmeckt wie eine Muskelkontraktion, es riecht wie eine Muskelkontraktion – lass mich raten…es wird wohl auch eine Muskelkontraktion sein…
Ich behaupte mal ganz dreist (nach 10 Jahren Berufserfahrung mit EMS-Training): Ja, es sind eindeutig Muskelkontraktionen die wir mit EMS auslösen können und auslösen. Und da Muskelkontraktionen der einzige wesentliche Indikator für Muskeltraining sind, darf man erst mal alleine aufgrund des Sichtbefundes behaupten: EMS kann schwache bis sehr starke Muskelkontraktionen auslösen und da Muskelkontraktionen die Basis von Training sind kann man mit EMS Muskeltraining machen. Oder fordert irgendwer jetzt eine Studie an die belegt dass es Nacht wird wenn es Tag war? Oder dass Kamillentee nach Kamille schmeckt? Oder dass eine Kuh Gras frisst? Nein, hierfür werden keine Studien gefordert, sondern man beruft sich schlichtweg auf das was man sieht (schmeckt, tastet…)
Die Tatsache, dass ich sehen kann, dass unter Einfluss von EMS Muskeln kontrahieren reicht mir aus als Beleg dafür, dass EMS Wirkung auf Muskeln hat. Somit ist eigentlich die Frage geklärt, ob EMS funktioniert.
Studien können einzig und alleine dazu dienen heraus zu finden, was genau durch EMS im Körper bewirkt werden kann und welche EMS-Form für welches Trainingsziel geeignet ist. Das alleine ist eine seriöse Aufgabenstellung von Studien zu EMS-Training. Die Frage ob es funktioniert stellt sich schlichtweg nicht.
Die Frage wofür es funktioniert sehr wohl. Und hier ist eben (wie oben in meinem Beispiel beschrieben) die Frage vorrangig, welchen Strom man wie einsetzt, um welches Ziel am Ende zu erreichen.
Und ja, hierzu wären sicherlich noch einige Studien sehr interessant. Vor allem auch deswegen, weil mit der modulierten Mittelfrequenz nun auch noch ein Strom in den Blickpunkt rückt, der weit mehr kann als die althergebrachte Niederfrequenz und somit auch noch wesentlich mehr Möglichkeiten bietet was die Trainingsgestaltung angeht.
Die Niederfrequenz hat ja leider den Nachteil, dass es Frequenzen oberhalb der 50, 60 Hz braucht um sog. tetanische Kontraktionen aus zu lösen. Diese brauchen wir aber für Muskeltraining. Also werden in der Niederfrequenz fast immer 85 Hz genutzt für Training. Aber dies wieder heißt, dass ich in dem größten Teil der Skelettmuskulatur physiologisch gesehen Krämpfe auslöse und keine physiologischen Kontraktionen (weil der größte Teil unserer Skelettmuskeln physiologisch mit weit weniger als 85 Hz arbeiten).
Mit modulierter Mittelfrequenz ist es nun endlich möglich, sog. „quasi-physiologische“ Muskelkontraktionen zu bewirken. Über eine Modulationsform die sich Myo-Modulation nennt. Das heißt, mit modulierter Mittelfrequenz ist es erstmals auch in der EMS möglich, ein Training auch wirklich am Trainingsziel orientiert zu gestalten. Und hier wird es dann wirklich mal interessant Studien zu machen und heraus zu finden mit welchen Modulationen und welchen Parametern man die jeweiligen Trainingsziele am effektivsten erreicht oder wo die Grenzen dieser Trainingsform dann in der Praxis liegen.

Wenn es also um sehr spezifisches und zielgerichtetes Training geht, dann ist der Ruf nach Studien durchaus berechtigt. Aber wahrlich nicht wenn es um die Fragestellung geht, ob EMS-Training funktioniert.

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